Die Vorfälligkeitsentschädigung bei Ratenkrediten und Darlehen

 

Warum erheben Banken eine Vorfälligkeitsentschädigung?

Kündigt ein Kunde seinen Kredit vor dem Laufzeitende, steht die Bank vor einem Dilemma. Einerseits muss sie das vorzeitig zurückgezahlte Geld wieder investieren oder verleihen. Dies verursacht ihr einen Aufwand bei der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten. Andererseits entgehen ihr aufgrund der abgebrochenen Laufzeit Zinseinnahmen. Aus diesen Gründen verlangen die meisten Banken für die vorzeitige Rückzahlung eines Kredits eine Vorfälligkeitsentschädigung. Diese berechnet sich je nach Kreditart unterschiedlich.

Vorfälligkeitsentschädigung bei vorzeitiger Kreditauflösung

Die Vorfälligkeitsentschädigung bei Privatkrediten

Für Kredite, die ab Juni 2010 abgeschlossen wurden, dürfen Banken eine Vorfälligkeitsentschädigung von einem Prozent der bestehenden Restschuld verlangen. Bei Finanzierungen mit einer Restlaufzeit von unter einem Jahr sind es nur 0,5 Prozent. Diese gesetzliche Regelung macht die Ermittlung der zu erwartenden Vorfälligkeitsentschädigung für den Kreditnehmer transparent und planbar:

Beispiel: Angenommen, die Restschuld aus einem Privatkredit betrüge zum Kündigungszeitpunkt 5.000 Euro bei einer Restlaufzeit von 3 Jahren. So dürfte die Bank eine maximale Vorfälligkeitsentschädigung von 50 Euro verlangen.

Sinkt der Marktzins für Privatkredite während der Laufzeit, kann der Kreditnehmer einfach errechnen, ob sich eine Umschuldung für ihn lohnt:

Beispiel: Die Restschuld beträgt 5.000 Euro mit einer Restlaufzeit von 3 Jahren und einem Zins von 7 % p.a. Daraus folgt insgesamt eine Zinsbelastung für den Kreditnehmer in Höhe von etwa 700 Euro für die restliche Laufzeit. Schuldet er den Kredit um, zahlt er nun 4 % Zins p.a. Das ergibt eine Zinsersparnis von etwa 300 Euro über die restliche Laufzeit. Wird die Vorfälligkeitsentschädigung berücksichtigt, spart der Kreditnehmer durch den Wechsel des Kreditgebers 250 Euro.

Vor dem Jahr 2010 war die Vorfälligkeitsentschädigung für Privatkredite nicht gedeckelt. Kunden, die aus solchen Altverträgen heraus umschulden möchten, sollten sich bei ihrem Kreditgeber über die Kosten und die Berechnung der Vorfälligkeitsentschädigung informieren. Laut einem Urteil des BGH dürfen Banken die geringere Entschädigung nicht durch eine Erhöhung der Bearbeitungsgebühren ausgleichen. Auch wenn bei der Kreditkündigung ein Bearbeitungsentgelt erhoben werden darf, ist es ihr verboten den Kunden schlechter zu stellen als das Gesetz.

Nimmt ein Verbraucher einen Privatkredit auf, einigt er sich mit seiner finanzierenden Bank auf die Konditionen. Dabei macht es hinsichtlich der Vorfälligkeitsentschädigung keinen Unterschied, ob es sich um einen Kredit zur freien Verfügung oder eine Fahrzeugfinanzierung handelt. Die Absicherung über das zu erwerbende Auto äußert sich lediglich in einem günstigeren Zinssatz. Da die gesetzlichen Regelungen die Mindestanforderungen an die Kreditkonditionen vorgeben, kann eine Bank ihrem Kunden auch bessere Zahlungsmodalitäten anbieten. Viele Geldhäuser sind dazu übergegangen, Sondertilgungen und vorzeitige Rückzahlungen zuzulassen, ohne dafür Gebühren zu erheben. Verbraucher sollten dennoch die Gesamtkosten des Privatkredits berücksichtigen. Es ist wenig zielführend von diesen kostenlosen Serviceleistungen zu profitieren, wenn andererseits ein höherer Zinssatz die Ersparnis zunichte macht. Darüber hinaus ist es hilfreich, wenn der Kreditnehmer bereits vor dem Kreditabschluss weiß, ob er plant, den Kredit vorzeitig zurückzubezahlen. Ist dies eher weniger eine Option, kann der Erlass einer Vorfälligkeitsentschädigung als Werbemaßnahme betrachtet werden. Auf der Suche nach einem passenden Kreditgeber kann dieser Aspekt dann ausgeklammert werden.

 

Beispiel: Ein Kredit wird mit 6.000 Euro und einer Laufzeit von 5 Jahren beantragt. Laut der gesetzlichen Regelung darf die Vorfälligkeitsentschädigung nicht mehr als 1 % betragen. Dies entspricht hier 60 Euro. Der Kunde hat nun die Wahl zwischen einem Anbieter, der eine Vorfälligkeitsentschädigung verlangt (Anbieter A) und einem der dies nicht tut (Anbieter B). Letzterer darf jedoch keinen signifikant höheren Zins für seine Kreditleistung verlangen damit sich seine Finanzierung noch lohnt. Die Ersparnis von 60 Euro, durch den Wegfall der Vorfälligkeitsentschädigung, bietet kaum ein Gegengewicht zu einer höheren Zinsbelastung über die Laufzeit. Diese kann nämlich mehrere hundert Euro betragen. Angenommen, Anbieter A bietet einen Zinssatz von 3,0 % p.a. Über die volle Laufzeit ergeben sich Zinskosten von insgesamt etwa 540 Euro. Anbieter B ist etwas teurer und veranschlagt 3,2 % p.a. Die Zinsbelastung ist hier etwa 576 Euro über den ganzen Zeitraum. Zieht man die unterstellte Ersparnis der fehlenden Vorfälligkeitsentschädigung ab, ist Anbieter B 24 Euro günstiger. Wird der Kredit jedoch nicht vorzeitig gekündigt, entfällt dieser Vorteil und es entsteht eine Differenz zum günstigeren Anbieter von 36 Euro.

 

Die vorzeitige Rückzahlung von Immobiliendarlehen

Leider existiert keine vergleichbare, transparente Regelung für die Vorfälligkeitsentschädigung bei Immobilienfinanzierungen. Dies ist besonders ärgerlich, da die Umschuldungskosten hierdurch in die Tausenden gehen können. Die Banken errechnen ihre Forderung anhand der folgenden Parameter:

 

  • Die Wiederanlage des Kreditbetrags: Hierbei sind zwei Varianten möglich. Erstens, kann die Bank das Geld erneut verleihen. Dieses Vorgehen wird auch als Aktiv-Aktiv-Methode bezeichnet, da das Geld die Aktivseite der Bankbilanz nicht verlässt. Es kann ihr ein finanzieller Nachteil entstehen, wenn der neue Kredit einen geringeren Zinssatz aufweist als der zurückbezahlte. Dies ist in der aktuellen Marktlage regelmäßig der Fall. Wurde der vorherige Kredit mit einem Zinssatz von 5 % p.a. vereinbart und mit dem neuen Kreditnehmer können nur 2 % Zins p.a. ausgehandelt werden, ergibt sich für die Bank ein jährlicher Minderertrag von 3%. Zweitens, kann die Bank das Kapital aus dem zurückbezahlten Kredit am Wertpapiermarkt anlegen. Dies wird als Aktiv-Passiv-Methode bezeichnet und ist aktuell die geläufigere. Der Vorteil für die Bank ist hierbei, dass sie auch weiterhin Zinsen für das Geld bekommt. Die zukünftigen Zinsen mindert die Vorfälligkeitsentschädigung, da der Verlust für die Bank durch die Wiederanlage sinkt. Hierbei erhöht ein niedriger Wiederanlagezins die Vorfälligkeitsentschädigung, während höherer Wiederanlagezins sie senkt. Um Missbrauch von Seiten der Banken vorzubeugen, hat der BGH im Jahr 2000 entschieden, dass alle Banken bei der Berechnung der Vorfälligkeitsentschädigung mit der Aktiv-Passiv-Methode die gültigen Zinskonditionen von Hypothekenpfandbriefen zugrunde legen müssen. Dies schafft zumindest etwas Transparenz für den Kunden.
  • Das Einräumen von Sondertilgungsrechten: Wurde im Kreditvertrag die Möglichkeit vereinbart, Sondertilgungen einzubringen, senken sie die Vorfälligkeitsentschädigung. Dabei spielt es keine Rolle, ob in der Vergangenheit Sondertilgungen einbezahlt wurden oder dies für die Zukunft geplant war. Der Gedanke dahinter ist, dass die Bank bereits beim Vertragsschluss damit rechnete, Teile der Kreditsumme vorzeitig zurück zu erhalten. Daher entstehe ihr bei einer vorzeitigen Rückzahlung kein Schaden in Höhe der gesamten Restschuld.
  • Das Darlehensrisiko: Vergibt eine Bank einen Kredit, geht sie damit das Risiko ein. Im schlechtesten Falle könnte dieser ganz oder teilweise ausfallen, wenn der Kunde insolvent werden sollte. Daher ist eine vorzeitige Rückzahlung nicht ausschließlich schlecht für eine Bank. Das gesunkene Darlehensrisiko wirkt sich positiv auf die Vorfälligkeitsentschädigung aus.
  • Die Verwaltungskosten: Wird ein Kredit aufgelöst, entfällt für die Bank der damit verbundene Verwaltungsaufwand. Das Darlehen muss nicht mehr überwacht werden, es findet auch kein Schriftwechsel mehr dazu statt. Diese Ersparnis senkt die Kosten einer Vorfälligkeit.
  • Die Bearbeitungsgebühr: Auch wenn sich der entfallene Verwaltungsaufwand für den Kunden positiv auf die Vorfälligkeitsentschädigung auswirkt, gibt es keine Entwarnung. Der Kreditgeber darf nämlich seinen Bearbeitungsaufwand, der ihm durch die Rückzahlung entsteht, in die Berechnung einbeziehen. Dieser ist im Betrag nicht gedeckelt und kann sich, je nach Anbieter, mit bis zu 300 Euro bemerkbar machen.

 

Ein besonderes Augenmerk sollten Kreditnehmer auf den Berechnungsstichtag legen. Denn zwischen der Kreditkündigung und der Rückzahlung liegt ein Zeitraum, der relevant für die Höhe der Vorfälligkeitsentschädigung ist. So können sich die Zinsen der Hypothekenpfandbriefe nach oben und unten verändern. Wie oben bereits beschrieben, wachsen oder verringern sich dadurch die Einnahmendifferenzen der Bank.

Beispiel: Der Zins von Hypothekenpfandbriefen erhöht sich vom Kündigungszeitpunkt bis zur Rückzahlung um 0,5 %. Handelt es sich bei der Restschuld um 200.000 Euro, ergibt sich dadurch ein verringerter Zinsverlust von 1.000 Euro.

 

Wie kann die Vorfälligkeitsentschädigung vermieden werden?

Kreditnehmer sollten die folgenden Möglichkeiten prüfen, um die Vorfälligkeitsentschädigung bei einer Umschuldung zu umgehen. Dies ist besonders bei Immobiliendarlehen relevant.

 

  • Die Zinsbindung: Nach einer zehnjährigen Zinsbindung hat der Kreditnehmer das Recht, seine Finanzierung zu kündigen. Dabei spielt es keine Rolle, ob beim Vertragsschluss eine längere Zinsbindungsfrist vereinbart wurde. Diese Kündigung ist ordentlich und verursacht keine Vorfälligkeitsentschädigung.
  • Variable Verzinsung: Wurde der Kredit mit einem variablen Zins vereinbart, beträgt die Kündigungsfrist drei Monate. Hierbei darf die Bank keine Vorfälligkeitsentschädigung verlangen, da der Gesetzgeber annimmt, dass der Zinssatz des Kredits dem aktuellen Marktzins entspricht. Daher entsteht der Bank bei der Wiederanlage kein Nachteil.
  • Die Widerrufsbelehrung: Kreditnehmer haben das Recht, den Vertrag innerhalb von zwei Wochen nach dem Abschluss zu widerrufen. Ein Vertragswiderruf hat zur Folge, dass der Vertrag so behandelt wird, als wäre er nie zustande gekommen. Daher ist ein proklamierter Verlust für die Bank als Grund für die Vorfälligkeitsentschädigung hinfällig. Ist die Widerrufsbelehrung im Kreditvertrag fehlerhaft, wird die zweiwöchige Frist nicht in Gang gesetzt. Daher kann der Kredit bei Fehlern in der Widerrufsbelehrung auch noch Jahre später widerrufen werden. Besonders interessant ist dies bei Altverträgen. Ein Anwalt kann die Verträge prüfen und weiterführende Auskünfte zu den Erfolgsaussichten eines Widerrufs geben.
  • Keine Vorfälligkeitsentschädigung: Ist im Kreditvertrag kein Passus zu den Kosten einer vorzeitigen Rückzahlung enthalten, darf die Bank im Fall des Falles keine Vorfälligkeitsentschädigung verlangen. Eine solche Vertragsgestaltung ist bei Immobiliendarlehen nicht zu finden. Im Bereich der Privatkredite finden sich jedoch zunehmend Anbieter, die mit ihrer Flexibilität hinsichtlich der Rückzahlung werben.